Die Geschichten-Verschlingerin

Biildrechte bei Frederic Schmidt

von FRIEDERIKE RECKOW

Lesebühne, die: eine literarische Veranstaltungsform, bei der die Autoren selbstverfasste, oft unterhaltsame Texte vor Publikum vortragen. Bekannt als Spielart des Poetry Slams ohne Wettbewerbscharakter. Bei der Launch-Party von next media makers: Texte über den Journalismus. Heute: Friederike Reckow.

Normalerweise drücke ich mich eher davor, vor vielen Menschen zu reden. Ich verkrieche mich viel lieber mit einem überdimensionalen Becher Tee in meinem Sessel und verschwinde zwischen den Seiten eines Buches. Und wenn mir dabei mal jemand zusieht, dann passiert das über einen Bildschirm. Denn ich bin Bookstagrammerin. Mein Instagram-Name ist Bücherträume, denn vor drei Jahren habe ich mich in „Die Stadt der träumenden Bücher“ von Walter Moers verliebt. Wie hätte ich auch einem Buch widerstehen können, in dem sich alles um Bücher dreht?

Familie Teddy

Aber von Anfang an: Das mit der Büchersucht hat früh angefangen. Schon bevor ich selbst lesen konnte, bin ich meinen Eltern mit Büchern hinterhergelaufen und habe so lange genervt, bis mir jemand vorgelesen hat. Mein erstes Lieblingsbuch hieß „Familie Teddy fährt ans Meer“ und musste so einiges mit mir durchmachen. Es war ein Buch, bei dem der Titel eigentlich schon die ganze Geschichte erzählt. Ein Buch mit sehr wenig Text und dicken Pappseiten, auf denen ich herumgekaut habe, während ich Zähne bekam. Der Beginn einer Liebesgeschichte.

Seitdem horte ich Bücher wie Smaug sein Gold, auch wenn meine Wohnung ein bisschen kleiner ist, als die Stollen im Erebor. Verglichen mit Familie Teddy sind die Seiten dünner geworden, die Bücher dicker und es gibt heute meist keine Bilder mehr in meinen Büchern. Leider. Statt mit Teddy an den Strand zu fahren, begleite ich jetzt Harry beim Kampf gegen Lord Voldemort, Frodo bei der Vernichtung des Rings und Hildegunst auf der Suche nach dem Verfasser eines ganz besonderen Manuskripts. Die Geschichten haben sich verändert, die Liebe zu Büchern ist geblieben.

Die undankbaren Mitbewohner

Genau das bezweifeln allerdings viele, wenn sie hören, dass ich nicht nur viel Zeit mit Lesen und Rezensieren verbringe, sondern auch damit, Bücher zu fotografieren, sie in meinem Regal nach Farben zu sortieren und im Internet nach coolen Sondereditionen und Merchandise zu suchen. Prompt werde ich gefragt, ob ich die 250 Bücher in meinem Regal wirklich gelesen habe oder ob ich sie nur aus ästhetischen Gründen nach dem hübschesten Cover oder Buchrücken ausgesucht habe. Ich meine, klar, ich kaufe mir mehrere Bücher im Monat – zum Teil Hardcover für 18 Euro oder mehr – nur, um sie dann im Regal einstauben zu lassen. Weil es ja so viel Spaß macht bei einem Umzug die ganzen Bücher wieder mitzuschleppen.

Allgemein sind Bücher nicht ganz so optimale Mitbewohner, wie man im ersten Moment meint. Klar, sie sind still, essen nichts von meinem Essen, hinterlassen keinen zusätzlichen Abwasch in der Spüle und lassen auch nicht ihre Sachen in der ganzen Wohnung liegen. Zumindest solange ich sie nach einer Foto-Session wieder ganz brav ins Regal stelle. Stattdessen klauen sie Platz. Eine ganze Wand meines kleinen Wohnzimmers ist hinter Bücherregalen verschwunden, um meinen Schätzen ein Zuhause zu geben. Miete zahlen sie trotzdem nicht. Dafür ziehen sie Staub magisch an und sind zu Tode beleidigt, wenn ich sie nicht regelmäßig abstaube.

Schokofrösche

Wer die Bücher in meinem Regal etwas genauer unter die Lupe nehmen will, muss sich erstmal durch mehrere Schichten Merchandise wühlen. Kerzen, die nach Butterbier oder Bruchtal riechen. Bilder von Charakteren, buchinspirierte Lesezeichen und kleine Pins, die ich fast nie trage, weil ich Angst habe sie zu verlieren. Brauche ich irgendwas davon zum Lesen? Nein. Macht es aus mir jemanden, der Bücher nicht zu schätzen weiß? Nein. Es macht aus mir einen Büchernerd, der beim hundertsten Durchlesen der „Harry Potter“-Reihe eben gern für jeden Band ein passendes Lesezeichen hat und nebenbei eine Kerze anzündet, die nach Zaubertränken, dem knisternden Feuer im Gryffindor-Gemeinschaftsraum oder Schokofröschen riecht.

Hat man es durch den Schutzschild aus Merchandise geschafft, wird schnell klar: Ich mag Fantasy. Für alle, die jetzt als erstes an Zwerge, Orks und die epische Schlacht zwischen Gut und Böse denken: Mir persönlich sind Elfen, Drachen und kreative Magiesysteme lieber. Aber die Tatsache, dass magische Welten mich faszinieren, bedeutet nicht, dass ich nicht auch „Die göttliche Komödie“, „Dracula“ und „Sinn und Sinnlichkeit“ gelesen habe. Auch die Klassiker in meinem Regal sind keine Deko.

Geschichten eine Stimme geben

Bücher sind für mich ein Lebenselixier. Ich habe schon immer in Bildern und Szenen und Sätzen gedacht. Wenn ich eine Geschichte lese, dann erwachen die Worte in meinem Kopf zum Leben und nehmen mich mit in eine andere Welt. Aber nicht alle Geschichten spielen in einer anderen Welt. Viele passieren in dieser. Und dass ich im Monat etwa zehn Bücher lese und mich schon vor einigen Jahren für den Berufswunsch Journalistin entschieden habe, hat ein und denselben Grund: Ich liebe Geschichten.

Die, die der Fantasie entspringen, und die, die das Leben schreibt. Nicht, weil sie alle schön und positiv und gerecht sind. Sondern, weil Geschichten für mich etwas Lebendiges sind. Manche sind bunt und grell, manche grau und blass. Manche sind hell und freundlich, manche düster und grausam. Manche sind alles zugleich. Manche sind laut, manche leise. Aber sie alle wollen gehört werden. Und egal ob ich sie lese oder schreibe, ich will ihnen eine Stimme geben.

Mutigerweise hat Friederike die Lesebühne auf unserer Launchparty begonnen. Sie blogt sowohl auf Instagram als auch auf ihrer Seite.

Foto: © Frederic Schmidt