Mein Herz fängt an zu rasen

© Frederic Schmidt

von EMINE AKBABA

Lesebühne, die: eine literarische Veranstaltungsform, bei der die Autoren selbstverfasste, oft unterhaltsame Texte vor Publikum vortragen. Bekannt als Spielart des Poetry Slams ohne Wettbewerbscharakter. Bei der Launch-Party von next media makers: Texte über den Journalismus. Heute: Emine Akbaba.

Mein Herz fängt an zu rasen. Das Blut wird durch meinen Körper gepumpt und vor Aufregung zieht sich mein Brustkorb zusammen. Mein Kiefer presst sich aufeinander. Der Druck nimmt stetig zu – nur nehme ich von alledem keine Notiz. Mit Adleraugen verfolge ich das Geschehen vor mir. Keine einzelne Sekunde unterbreche ich mit einem Blinzeln, ich verpasse nichts.

Dieser besondere Moment

Das Adrenalin durchströmt meinen Körper mit einer intensiven Energie. Wie aus dem Nichts erfüllt plötzlich ein Gefühl von Spannung die Luft. Meine Augen gleiten – rauf und runter. Sie fokussieren von vorne nach hinten. Jedes kleinste Detail wird aufgesaugt und abgespeichert. Die Geräusche auf der Straße, die Stimmen der an mir vorbeigehenden Menschen, der Duft von Kaffee und frischem Gebäck – all das rückt Stück für Stück in den Hintergrund und nur dieser besondere Moment erfüllt meine Sinne.

Als ob sich plötzlich eine schalldichte Tür in meinem Bewusstsein schließt und alles um mich herum draußen lässt – mich im Hier und Jetzt zurücklässt. Als ob ein Schalter in mir umgelegt wird, sodass ich die Umgebung anders wahrnehme. Die Welt scheint für einige Minuten stillzustehen, während mein Körper vor Ungeduld erstarkt und ich den Atem anhalte. Mein Brustkorb hebt und senkt sich nur noch minimal – so wenig, dass es mit dem bloßen Auge nicht auszumachen ist. Ich kneife die Augen zusammen, mein Gesichtsausdruck erstarrt. “Wie wäre es, wenn ich zwei Schritte nach links gehe? Würde es dann verschwinden?”, frage ich mich. Die Gedanken rasen förmlich. Es erscheinen Bilder vor meinem inneren Auge.

Der wichtigste Akteur

Unbewusst habe ich nach der Schlinge auf meiner Schulter gegriffen. Habe die schwere Kamera in die Hand genommen, das linke Auge am Sucher positioniert. Klick. Nur eins. Ich muss sparsam sein und nicht verschwenden. Bald ist es soweit – ich muss mich nur noch etwas gedulden. Denn der wichtigste Akteur hat sich noch nicht blicken lassen, um das Bild zu vervollständigen.

Wenig später liegt eine Energie in der Luft, die mir die Gewissheit gibt, dass gleich der perfekte Moment gekommen ist. Eine Energie, welche die Muskeln in meinen Fingern vor Aufregung verkrampfen lässt.

Sie ist keine Unbekannte – eine alter Freundin, die ich schon auf vielen Straßen dieser Welt getroffen und lieben gelernt habe und die mich bis jetzt niemals enttäuscht hat.

Endlich

Und plötzlich bricht mein Hauptakteur durch die Wolkendecke: Die Sonne. Und für einige Sekunden muss ich meine Augen vor der Intensivität schließen. Auf diesen Moment habe ich voller Ungeduld gewartet. Schnell öffne ich die Augen und das, was ich sehe, ist atemberaubend.

Im frühen Morgenlicht erscheint der aufgewirbelte Staub der Straße wie winzige Schneeflocken. Die Umrisse der Menschen werfen weiche lange Schatten auf den Boden. Das Sonnenlicht lässt alles in einem Goldton strahlen, bevor die vereinzelten Wolken am Himmel das Licht wieder hinter sich verstecken und die Sonne für einige Momente schwächen.

Klick. Klick. Klick.

Klick. Klick. Klick. Nicht so schnell, ermahne ich mich selbst. Die verbleibenden Bilder muss ich sparsam einsetzen. Und das nächste Mal, wenn das Sonnenlicht sein Zauber versprüht, ist der perfekte Moment da: Denn genau in diesem Moment läuft eine Frau in Dschallabija gekleidet, ein bis zum Boden reichendes Kleidungsstück im Nahen Osten, in mein Bild hinein. Ihr langes Gewand in Burgunder-Rot schimmert sanft in den ersten Sonnenstrahlen und bildet einen interessanten Kontrast zu der blauen Wandfarbe der Häuser im Jüdischen Viertel von Fes.

Und endlich, wenn ich mir ganz sicher bin, schlägt mein Herz wieder – fängt beinah an zu rasen. Nun spüre ich auch wieder, wie die Luft in meine Lungen strömt. Ich atme tief durch meinen Mund ein. Halte es – bis sich mein Körper wieder daran erinnert weiterzuatmen. Seufzend atme ich wieder aus. Mein Brustkorb hebt und senkt sich. Schneller und öfter.  

Szenen für die Ewigkeit

Diese besonderen Momente, sei es in Alexandria, Kairo, Istanbul, Teheran oder in Fez, verzaubern und berühren mich immer wieder aufs Neue. Ich möchte die Szenen für die Ewigkeit festhalten. Sekunden – Minuten an einer Straßenecke verbringen, mich in den verwinkelten Ecken verirren, die dort herrschende Szene beobachten, auf den perfekten Moment warten, den Auslöser drücken und weitergehen.

Emine hat die Lesebühne auf unserer Launchparty mit ihrem Text abgeschlossen. Sie ist freie Fotografin. Ihre Bilder seht ihr auf ihrer Seite und auf ihrem Instagram-Account.

Foto: © Frederic Schmidt