Irgendwie doch der beste Job

Credit: Frederic Schmidt

von CHIARA THIES

Lesebühne, die: eine literarische Veranstaltungsform, bei der die Autoren selbstverfasste, oft unterhaltsame Texte vor Publikum vortragen. Bekannt als Spielart des Poetry Slams ohne Wettbewerbscharakter. Bei der Launch-Party von next media makers: Texte über den Journalismus. Heute: Chiara Thies.

„Ey so, sag mal. Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ – Diese Frage bekomme ich ab und an gestellt. Anscheinend gibt es ziemlich abgefahrene Vorstellungen über den Beruf des freien Journalisten. Von einem Jürgen Todenhöfer, der durch unterirdische Tunnel nach Palästina klettert, bis zum einsamen Schreiber, der stundenlang wütend in die Tasten haut. In der Realität läuft es dann doch etwas anders ab.

Kaffee und Hitler

Meistens beginnt der Tag mit einem Kaffee und im Bett gecheckten Mails. Oft kommen zu dieser Zeit nämlich die Autorisierungen der Interviews von gestern rein. Nach der Dusche und noch mehr Kaffee habe ich bereits die ersten Whatsapp-Nachrichten von Kollegen in der Redaktion, die mich auf Themen hinweisen, oder fragen, ob ich diese oder jene Geschichte übernehmen könnte.

Oft folgt dann auch ein kurzer Witz über das Morgeninterview aus dem Deutschlandfunk, kurz: DLF. Denn wir Journalisten sind wahre Nachrichtenjunkies. Ein Großteil der Abozahlen der deutschen Presselandschaft generieren wir wahrscheinlich selbst. Wer morgens das Interview im DLF verpasst, Donnerstag nachmittags noch nicht die komplette ZEIT gelesen hat oder womöglich die Sonntagsausgabe der Bild – auch „BAMS“ genannt – verpasst, ist raus. Ganz zu schweigen von den ganzen Podcasts. Peinlich wurde es, wenn man zu Beginn des Jahres nicht auf „Uuh, Conny, was ist los?“ reagieren konnte.

Und für alle, die gerade nicht wissen, was ich meine: Keine Sorge, gebt euch nicht dieser Journalisten-Arroganz hin. Ihr habt noch den Genuss des gesamten Podcasts „Hitlers Tagebücher“ vom STERN vor euch. Genießt es.

Hintergrundgespräche – und noch mal Kaffee

Habe ich dann die morgendliche Nachrichtendosis auf dem Handy abgefrühstückt, fahre ich den Rechner hoch – und mache mir noch einen Kaffee. Ja, wir sind wahre Koffein-Junkies. Um die Themen des Tages drauf zu haben, schaue ich auf die Newsletter der Parteien oder Verbände. Oder ich schaue im Ticker der DPA. Vormittags ist auch die beste Zeit für Interviews, weil man noch alle „wichtigen“ Leute – oder solche, die sich dafür halten – erreicht.

Zwischendurch treffe ich mich noch zu Hintergrundgesprächen. Das sind Gespräche mit Politikern und Wirtschaftsgrößen, von denen man der Öffentlichkeit leider nichts mitteilen darf. Ich gehe auch auf Pressekonferenzen und freue mich, wenn ein Kollege da ist, der sich mit der Materie auseinandergesetzt hat. Der stellt nämlich meistens für alle stellvertretend die Fragen. Denn viele Köche verderben leider den Brei. Während ein Journalist alleine gefährlich werden kann, sind wir in der Gruppe leider kleine Miezekatzen, weil alle verschiedene Schwerpunkte haben und die Fragen dementsprechend stellen.

Die Sache mit dem Geld

Was ich am freien Arbeiten liebe, ist, dass ich alles von zuhause in Jogginghose erledigen kann. Leider bin ich dann auch abhängiger von meinem zuständigen Redakteur. Das kann Fluch und Segen zugleich sein.

Denn manche Redaktionen malen sich die Zusammenarbeit mit uns freien Journalisten folgendermaßen aus: Stellt euch mal vor, ihr wärt Fliesenleger. Ihr legt so richtig tolle Mosaike und zeigt auf Social Media eure Arbeit. Daraufhin ruft euch jemand an und sagt: „Ey, ich habe deine Bilder auf Instagram gesehen. Voll der nice Stuff! Ich baue gerade ein Haus – das Bad fehlt noch. Kannst du das für mich fliesen?“ Soweit, so gut. Doch es geht weiter, denn dieser jemand sagt auch: „Ich habe dafür zwar gerade kein Geld, aber ich habe reiche Freunde. Wenn es gut läuft und du gute Arbeit ablieferst, kann ich dich ja mal weiterempfehlen.“

Na, wer würde den Job annehmen? Keiner, oder? Journalisten schon. Denn leider geht es uns zu oft „um die Sache“.

Der beste Job der Welt

Natürlich ist zwischendurch auch einfach viel Leerlauf. Zum Beispiel, wenn gerade kein Auftrag von Redaktionen da ist. Dann muss ich mich einfach weiterbilden. Nachrichten aus den Ländern lesen, über die ich berichte. Das Gute ist: Auf diese Weise finde ich auch immer wieder neue Themen.

Das klang bis jetzt zwar leider eher negativ, aber das beste kommt ja bekanntlich zum Schluss: Der Job ist einfach genial. Beim Journalismus ist unglaublich viel Abwechslung drin – denn ich habe ja immer wieder unterschiedliche Interviewpartner. Vom Alltagsmenschen bis zum Politiker ist jeder mit dabei. Und wenn ich ehrlich bin, ist Journalismus auch nur eine Ausrede. So kann ich mich bestens vor dem „richtigen“ Lernen drücken. Und ich habe so das unglaubliche Privileg, mich immer wieder in neue Bereiche einarbeiten zu können.

Chiara hat next media makers mitgegründet und trat als Dritte bei der Lesebühne auf unserer Launchparty auf. Sie schreibt vor allem für Cicero und die ZEIT und bloggt – eher privat – auf Instagram.

Foto: © Frederic Schmidt